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Strafsache Trawniki


Zur Vorgeschichte des Verfahrens gegen Iwan Demjanjuk, das im November in München eröffnet werden soll: Vor 33 Jahren wurden vor dem Hamburger Landgericht die SS-Männer freigesprochen, die Iwan Demjanjuk zum Massenmörder ausgebildet haben.


Als die frischgebackene Hamburger Staatsanwältin Helge Grabitz im Frühjahr 1966 in die Abteilung für Nationalsozialistische Gewaltverbrechen (NSG) versetzt worden ist, ahnte sie nicht, daß sie schon bald nach ihrem Amtsantritt mit einem der umfangreichsten und längsten NS-Prozesse in der Geschichte der Bundesrepublik konfrontiert werden sollte. Im Fadenkreuz der Ermittlungen standen mehrere SS-Männer, die im Zweiten Weltkrieg im SS-Ausbildungs- und Arbeitslager Trawniki in Ostpolen stationiert waren und welche durch die Anwerbung und Ausbildung von "fremdvölkischen" Einheiten dafür gesorgt haben, daß dem deutschen Vernichtungslagerpersonal in ausreichender Menge osteuropäische Hilfskräfte, so genannte "Trawnikis", zur Verfügung standen. Unter ihrem Kommando wurde auch der derzeit in München vor Gericht stehende SS-Hiwi Iwan Demjanjuk zum Vollstrecker der "Endlösung" ausgebildet. Nach dem über fünf Jahre dauernden Verfahren wurden am 3. Juni 1976 alle Männer freigesprochen. Ein schier unglaubliches Fehlurteil, darüber waren sich Juristen und Historiker schon damals einig. Doch wie kam es zustande?

Der äußerst engagierten Staatsanwältin Grabitz war es zunächst durch akribische Ermittlungsarbeit gelungen, daß Ende 1970 sechs Männer auf der Anklagebank Platz nehmen mußten, die sich bis dato mit bescheidenem materiellen Erfolg in der deutschen Nachkriegsgesellschaft eingerichtet hatten. Hauptangeklagter war der SS-Offizier und ehemalige Kommandant des Lagers Trawniki, Karl Streibel. Mitangeklagt wurden seine damaligen Unteroffiziere Michael Janczak, Erwin Mittrach, Theodor Pentziok, Kurt Reinberger und Josef Napieralla. Zwischen 1903 und 1910 geboren, haben sie den Ersten Weltkrieg als Jugendliche nur indirekt, aus der Zeitung und aus den Erzählungen der ihrer Väter, kennengelernt. Zur fehlenden unmittelbaren Erfahrung des industrialisierten Abschlachtens gesellte sich bei allen ein weiterer Faktor hinzu, der sie zu Beginn der 1930er Jahre für die Verlockungen der aufstrebenden Nationalsozialisten besonders anfällig machte: Berufliche Erfolg- und Perspektivlosigkeit. Trotz gutem Volksschulabschluß und abgeschlossenen Lehren in Handwerk, Landwirtschaft und Einzelhandel, fanden sie sich nach der Wirtschaftskrise in schlecht bezahlten Hausmeisterjobs wieder, verdingten sich als Brotverkäufer oder waren arbeitslos. Bei Streibel saß der Stachel der Enttäuschung besonders tief: Er war zuvor in den 1920er Jahren nach Brasilien ausgewandert und hatte sich hier unter schwierigen Bedingungen vom Tellerwäscher zum festangestellten Lebensmittelverkäufer hochgearbeitet. Er heiratete die Tochter seines Chefs und bekam mit ihr eine Tochter. Was der jungen Familie jetzt noch fehlte, war ein eigener Betrieb. Hierfür zog Streibel mit seiner Familie 1928 wieder nach Deutschland und übernahm in seinem Heimatort Neustadt in Oberschlesien ein kleines Restaurant. Mit Einsetzen der Weltwirtschaftskrise gingen die Geschäfte jedoch bergab, 1932 mußte Streibel die Gastwirtschaft aufgeben. Die Ursache war freilich schnell gefunden: In einem SS-Personalbericht aus dem Jahr 1936 steht in der Rubrik "Verletzungen, Verfolgungen und Strafen im Kampf für die Bewegung" der Eintrag: "Als Gastwirt in Neustadt durch Boykott vollkommen ruiniert." Dies sollte nicht die einzige Lebenslüge des Karl Streibel bleiben.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten brachen für die Angeklagten zunächst jedoch bessere Zeiten an. Schon bald erhielten alle in der SS bzw. Polizei ein geregeltes und gutes Einkommen. Streibel entwickelte ein besonderes Macht- und Karrierebewußtsein: Bereits im November 1936 rückte er mit der Beförderung zum SS-Untersturmführer in den Offiziersrang auf. Trotzdem konnte er den Richter später davon überzeugen, kein eingefleischter Antisemit gewesen zu sein. Die Rassenfrage habe für ihn höchsten bei der Familienplanung eine Rolle gespielt und außerdem hätten seine Eltern ja Umgang mit jüdischen Geschäftsleuten gehabt, der sich bis ins Private hineingezogen hätte. Einen Boykott jüdischer Geschäfte habe es in Neustadt bis zur "Reichskistallnacht" nicht gegeben. Als er am Morgen des 10. November 1938 zur Arbeit ging, sei er einem jüdischen Geschäftsmann, der von einer Menschenmenge bedroht worden ist, zu Hilfe geeilt und habe ihn bei der nächsten Polizeiwache abgegeben. Der Angeklagte Napieralla konnte sich mit einer ähnlich hilflos anmutenden Entlastungsstrategie ebenfalls erfolgreich als unpolitischen Gutmenschen inszenieren. Als Grund für seinen Eintritt bei der SS gab er bei seiner Vernehmung an, daß er lediglich mit seinen Freunden im SS-Spielmannzug trommeln wollte, und im Spielmannzug sei ja auch ohnehin nicht gesprochen worden. Das Gericht schenkte dieser Darstellung Glauben, da Napieralla "recht wortkarg und einfältig wirkte".

1941 kreuzten sich schließlich die Lebenswege der infantilen und ahnungslosen Philosemiten in Polen. Streibel wurde Kommandant des SS-Ausbildungs- und Arbeitslagers Trawniki, nachdem er sich bereits beim Volksdeutschen Selbstschutz und als Kompanieführer eines "Sonderdienst-Ersatz-Bataillons" unter dem SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin, Odilo Globocnik, als Organisationstalent bewährt hatte. Er war somit direkt für die Auswahl, die Ausbildung und die Abstellung der "fremdvölkischen" Hilfswilligen an ihre Einsatzorte, insbesondere in die Vernichtungslager Belzec, Sobibór und Treblinka, verantwortlich. In den folgenden Monaten wurden auch die anderen Angeklagten nach Trawniki versetzt, nachdem sie zuvor ebenfalls beim Selbstschutz oder aber in verschiedenen Polizeibataillonen an der "Befriedung" Polens mitgewirkt hatten. In Trawniki rekrutierten sie schließlich Hilfswillige, bildeten sie militärisch aus und führten Wachmänner-Kompanien an, die bei Ghettoliquidierungen und Deportationen in den Distrikten Lublin und Warschau eingesetzt wurden. Aus den wirtschaftlich Gescheiterten waren eifrige Befehlstäter geworden.

Helge Grabitz hat im Rahmen ihrer staatsanwaltlichen Ermittlungen zahlreiche Beweise und Hinweise dafür zusammengetragen, das Streibel genau gewußt haben muß, was in den genanntenVernichtungslagern geschah und daß er in den Jahren 1942/43 trotzdem Wachmannschaften dorthin abgestellt hatte. Dadurch habe er laut Anklageschrift "als Täter an der grausamen Ermordung von insgesamt mindestens 850.000 Menschen mitgewirkt". Streibels Unterführern wurde Beihilfe zum Mord vorgeworfen. In seinen Einlassungen zu den Vorwürfen versuchte Streibel seine Verantwortung und sein Wissen um die systematische Judenvernichtung allerdings mit äußerst abenteuerlichen Bekundungen herunterzuspielen. So gab er an, er habe Ende 1941 nur jeweils einmal bei ihm ausgebildete Wachleute nach Belzec und Sobibór abgestellt, und zwar zum Bau von Lagern. Er hätte nicht gewußt, daß die Männer zum späteren Betrieb der Lager verwendet werden sollten. Er habe zunächst auch nichts vom Zweck dieser Lager erfahren. Dies sei erst später geschehen, aber da habe er schon keine Männer mehr in die Vernichtungslager abgestellt. Von der Vernichtung der Lubliner Juden habe er erstmalig von polnischen Frauen aus dem Dorf Trawniki erfahren. Bei Besprechungen mit seinem Vorgesetzten Globocnik, dem Cheforganisator der "Aktion Reinhardt", sei die Kenntnis von der Vernichtung selbstverständlich vorausgesetzt worden - deswegen sei auch nicht weiter darüber gesprochen worden.

So unglaublich es klingen mag: Das Gericht schenkte den Ausführungen Streibels in weiten Teilen Glauben. Insbesondere seine Ausführungen zu der Frage, wann er von der Judenvernichtung erfahren habe, seien glaubhaft und durch keine andere Zeugenaussage widerlegt worden. Von der systematischen Judenvernichtung habe Streibel wohl erst im August 1942 erfahren. Die Einbeziehung seiner Trawniki-Einheiten in die Judenvernichtung habe er möglicherweise sogar noch ein wenig später erkannt. Er habe die "Aktion Reinhardt" deshalb nicht vorsätzlich unterstützt. Im Einklang dazu kommt das Gericht bei der Verortung der Rolle des Ausbildungslagers Trawniki innerhalb der damaligen organisierten Judenmorde zu dem Schluß, daß es zwar nicht ausschließen könne, daß der Hauptzweck des Lagers in der Bereitstellung von Hilfskräften für den bevorstehenden Massenmord an Juden lag. Dafür habe es in der Beweisaufnahme jedoch keine konkreten Anhaltspunkte gegeben. Überhaupt sei nur ein verhältnismäßig geringer Teil der in Trawniki ausgebildeten Hilfskräfte in die Vernichtungslager abgestellt worden. Den anderen Angeklagten sei nicht mit letzter Sicherheit nachzuweisen gewesen, daß sie vorsätzlich an den Ghettoräumungen und Deportationen teilgenommen oder gewußt hätten, zu welchem Zweck sie die Hilfswilligen in Trawniki ausgebildet haben.

Man mag dem Gericht durchaus zu Gute halten, daß das Lager Trawniki zum damaligen Zeitpunkt von der historischen Forschung noch nicht eingehend untersucht worden ist. Eine Monographie zur Geschichte des Lagers steht bis heute aus. Die Einschätzung, daß der Judenmord im Generalgouvernement ohne die "Trawnikis" nicht so schnell und nicht mit diesem "minimalem Personalaufwand" von deutscher Seite aus (Dieter Pohl) hätte organisiert werden können, hat sich unter Historikern erst später durchsetzen können. Allerdings standen dem Gericht Zeugenaussagen aus Täterkreisen zur Verfügung, die schon damals auf die besondere Rolle der "Trawnikis" hingewiesen haben. Der ehemalige SS-Offizier Georg Michalsen, der zu Globocniks Stab gehörte, sagte z.B. in einem umfassenden Geständnis aus, daß das Lager Trawniki und die in ihm ausgebildeten Einheiten eine Voraussetzung dafür gewesen seien, daß Globocnik seine "Judenaktionen" hätte durchführen können. Das Gericht bezweifelte jedoch schlicht, daß Michalsen einen umfassenden Einblick in die exakten zahlenmäßigen Dimensionen der Täteraufstellung gehabt haben konnte. Und als Streibel sich bezüglich der Ghettoräumungen durch eine Aussage selbst belastete, indem er zugab, daß aus seinem Ausbildungslager eine "nicht ganz niedrige Anzahl Trawnikis" von SD-Unterführern für "Judenaussiedlungen" abgeholt worden seien, attestiert ihm der Richter kurzerhand ein eingeschränktes Erinnerungsvermögen. Die sich anschließende Mutmaßung, daß Streibel sich hier ja möglicherweise durch die in den staatsanwaltlichen Ermittlungen genannte hohe Dunkelziffer habe beeinflussen lassen, welche "freilich nicht notwendigerweise auch nur verdachtsweise mit Trawniki in Verbindung zu bringen" sei, legt die tendenziöse Haltung des Gerichts offen. Es verwundert daher nicht, daß die Staatsanwältin Grabitz und ihre Kollege Dieter Nehrke mit Verständnislosigkeit auf die Freisprüche reagiert haben. Grabitz berichtet in ihrem Buch über die Hamburger NSG-Verfahren, daß auch andere Strafjuristen der Hansestadt ähnlich überrascht waren. Der Ruheständler Nehrke erinnert sich noch heute an seinen damaligen Eindruck, der vorsitzende Richter Seefeldt sei ein Kollege gewesen, der sich mehrfach auch in anderen Verfahren bereits nach dem Durchlesen der Akten im Vorfeld auf ein eigenes Urteil festzulegen pflegte, von dem ihn die Staatsanwaltschaft in den Hauptverhandlungen nur schwer oder, wie im Falle des Trawniki-Verfahrens, gar nicht mehr hätte abbringen können. Die meisten Kollegen seien nach den Freisprüchen deshalb der Meinung gewesen, "daß man das bei dem Gericht gar nicht anders schaffen konnte". Und der Historiker Wolfgang Scheffler, der das Gericht im Trawniki-Verfahren als Sachverständiger über die Dimensionen der in den Vernichtungslagern der "Aktion Reinhardt" getöteten Juden informiert hat, gelangte nach dem Prozeß zu der Einschätzung, daß das Urteil "in historischer Sicht viele Fehlinterpretationen und inhaltliche Merkwürdigkeiten" enthalten habe.

Selbst wenn man bedenkt, daß der Prozeß in einer Zeit stattfand, in der das öffentliche Interesse an NSG-Verfahren stark nachgelassen hat, erscheint es angesichts des krassen Fehlurteils und der kritischen Reaktionen von Juristen und Historikern unbegreiflich, daß die überregionale Presse nicht über das Urteil berichtet hat. Nehrke erinnert sich daran, daß zu Beginn des Verfahrens "wohl noch Journalisten anwesend waren". Mit zunehmender Verfahrensdauer seien die Besucherbänke aber immer leerer geworden. Zu den wenigen lokalen Prozeßbeobachtern zählte bis zum Verfahrensende das Hamburger Abendblatt, daß sich in seinen Kommentaren allerdings mehr auf die lange Prozeßdauer und die dadurch entstandenen hohen Kosten denn auf eine sachliche Verfahrenskritik eingelassen hat. Im Zuge der Berichterstattung über das gegenwärtige Demjanjuk-Verfahren wurden die Freisprüche von 1976 zwar vereinzelt in Randbemerkungen erwähnt. Eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Versäumnissen von damals findet in der deutschen Medienlandschaft jedoch bis heute nicht statt. Und so deutet vieles darauf hin, daß sich das damalige Muster der Berichterstattung wiederholen könnte. Nachdem Demjanjuks Abschiebung aus den USA der Öffentlichkeit vor einigen Monaten noch als ein dramatischer und reich bebilderter Justizkrimi präsentiert worden ist, herrscht seit der Anklageerhebung im Juli großes Schweigen. Aufgrund Demjanjuks eingeschränkter Verhandlungsfähigkeit rechnen Juristen hier ebenfalls mit einem langen und zähen Verfahren. Einem Journalismus, der sich vornehmlich an verkauften Auflagen und Page-Impressions orientiert, wird erneut lange vor dem Urteilsspruch die Luft ausgehen.

Veröffentlicht in konkret 11/2009, S. 38f.

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