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Rezension des Buches "Gregor Schöllgen, Der Eiskönig. Theo Schöller. Ein deutscher Unternehmer 1917-2004, München 2008", veröffentlicht in der Hamburger Wirtschaftschronik Band 8 (2009)


Wenn Historiker sich mit den Lebensläufen von Unternehmern befassen, sehen sie sich zumeist mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. Am Anfang stellt sich die Frage der Verfügbarkeit von aussagekräftigen Quellen, die oft in Unternehmens- und Privatarchiven lagern, und die daher in der Regel nicht ohne vorherige Genehmigung einsehbar sind. Im Falle des Eisfabrikanten Theo Schöller befindet sich der Hauptbestand der Quellen, die über die wichtige Zeit des unternehmerischen Erfolgs Schöllers nach dem Zweiten Weltkrieg Auskunft geben, im Wohnhaus der Schöllers. Es handelt sich hierbei erstens um umfangreiche Bestände geschäftlicher und privater Korrespondenz Schöllers, z. B. mit wichtigen Kreditgebern oder auch mit seinem Bruder Karl. Zweitens besteht das Quellenfundament aus den schriftlichen Erinnerungen eines, namentlich nicht genannten, Mitarbeiters von Schöller und aus Schöllers unvollständiger eigener Autobiographie. Dem Autor der hier zu besprechenden Biographie, Gregor Schöllgen, wurde durch die Witwe des 2004 verstorbenen Eiskrem-Unternehmers Zugang zu diesen wichtigen Dokumenten gewährt. In einem solch gelagerten Fall muss ein Historiker Distanz zum Forschungsgegenstand wahren, ansonsten droht das Abrutschen in eine unkritische Untersuchungsperspektive. Das Heranziehen weiterer Quellen wie z.B. Medienberichte kann hier hilfreiche Dienste leisten. Eine weitere Hürde beim Verfassen von Unternehmerbiographien liegt in der Gefahr, die Rolle des Firmenchefs zuungunsten der strukturellen Rahmenbedingungen, in die auch der erfolgreichste Geschäftsmann eingebunden ist, zu stark zu gewichten. Hier gilt es, eine genaue Abwägung zwischen wirtschaftlichen und politischen Determinanten einerseits, und dem Faktor Mensch andererseits zu treffen. Als gelungenes Vorbild sei hierfür die vergleichende Studie von Jürgen Kocka über Siemens und AEG genannt, in welcher der Autor bei beiden Unternehmen zunehmend ähnliches Wirtschaften beobachtet hat, und zwar trotz z.T. gegensätzlicher Auffassungen in den jeweiligen Chefetagen über die Führung von Betrieben.

Schöllgen ist seinerseits Professor für Neuere Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg und Direktor des Erlanger Zentrums für Angewandte Geschichte. Letzteres versteht sich als Dienstleister und recherchiert, dokumentiert und veröffentlicht Geschichte(n) im Auftrag von Privatpersonen, Unternehmen und Organisationen. Es finanziert sich nach eigenen Angaben durch frei eingeworbene Mittel von politischen Institutionen oder Unternehmen, die laut Schöllgen "dafür ein Produkt erwarten". Allerdings lasse er sich die inhaltliche Unabhängigkeit jeweils vertraglich zusichern. Gute Voraussetzungen also für ein ausgewogenes Gesamtbild des Unternehmers Schöller. Leider wird diese Erwartung von Schöllgen nicht erfüllt. Zwar schreibt er in einem verständlichen und gut lesbaren Stil. Was dem historisch Interessierten, und an solche wendet sich der Autor ausdrücklich, dann auf gut 190 Seiten in chronologischer Reihenfolge von der Geburt bis zum Tod des Industriellen präsentiert wird, mag im Sinne der Familie Schöller sein - ein Beispiel für die von Schöllgen versprochene Unabhängigkeit hätte jedoch anders aussehen müssen. Theo Schöller wird in einer durchgängigen Lobeshymne als nahezu konkurrenzlos weitsichtiger Visionär und großherziger Gutmensch dargestellt. Sicherlich darf das soziale Engagement Schöllers in einer Biographie seinen Platz einnehmen. Der Leser mag sich allerdings stellenweise des Eindrucks kaum erwehren können, dass der Unternehmer vorrangig Geld verdienen wollte, um es in seiner Heimatstadt Nürnberg bei öffentlichen Feierlichkeiten unter den Bedürftigen verteilen zu können. Auszubildende wurden "natürlich" vom Erfolgsfabrikanten persönlich zum Essen eingeladen und "natürlich" versuchte dieser, anschließend allen einen festen Arbeitsplatz zu geben. Wo doch einmal Arbeitsplätze abgebaut und Mitarbeiter entlassen worden sind, da wurden Unternehmensbereiche "gestrafft". Doch für Zwischentöne ist in dieser Erfolgsstory freilich kein Platz. Für Schöllgen ist Schöller der Eiskönig - "ein ungekrönter zwar, aber einer, wie es ihn vorher und nachher nicht noch einmal gegeben hat".

Zum Stil dieses intentionalistischen Geschichtskonstrukts passt es denn auch, das andere Firmen und Unternehmen mehrheitlich nur dann Erwähnung finden, wenn sie Fehlentscheidungen getroffen haben, die Schöller stets vorausgeahnt zu haben scheint. Vom "Säurebad des Vergleichs" (Hans-Ulrich Wehler) ist Schöllgen weit entfernt. Es drängt sich zudem stark der Eindruck auf, dass die in die Darstellung eingeflossenen Presseberichte über Schöller vom Autor einseitig ausgewählt worden sind. Auch hier wurde die Chance vertan, den Quellen aus dem Schöllerschen Archiv zumindest stellenweise ein Korrektiv entgegenzusetzen. So wird dem Leser zwar anschaulich die moderne Eisproduktion in Schöllers Fabriken geschildert. Dass der findige Fabrikant z. B. aber Vorreiter beim Ersatz von Milchfetten durch kostengünstigere Pflanzenfette gewesen ist, erfährt der von Schöllgen offenkundig weit unterschätzte Leser nicht. Entsprechende Medienberichte lassen sich im Internet jedoch allzu leicht finden. Verbraucherschützer werfen der Eisbranche bis heute medienwirksam Etikettenschwindel vor. Verschweigen führt in solch einem Fall allzu schnell zu Unglaubwürdigkeit und das schadet dem Unternehmen weit mehr, als das es nützt.

Wo der zeitgeschichtliche Rahmen Erwähnung findet, z.B. anlässlich Schöllers Mitgliedschaft in Hitler-Jugend und Wehrmacht, zeigt sich der Autor zudem nicht immer auf der Höhe der aktuellen Forschung. Die Aussage, dass weltanschauliche oder politische Motive in der Hitler-Jugend "keine Rolle" gespielt hätten, lässt sich in ihrer Absolutheit bereits seit Längerem nicht mehr aufrechterhalten. Zudem ist die Geschichtsschreibung hier noch sehr in Bewegung: Neue Ergebnisse, wie z.B. die des Forschungsprojekts "Refrenzrahmen des Krieges", stehen unmittelbar bevor. Adolf Hitler wird obendrein als der allseits unterschätzte Kriegstreiber dargestellt, dessen ungeheuerliche Vernichtungsabsichten niemand ernst genommen habe.

Schöllgens Werk ist zu sehr "Produkt", zu sehr unternehmerfreundliche Chronik, deren tendenziöse Haltung sich vom Titel bis in den Anhang durchzieht, als dass man von einer unabhängig verfassten Darstellung sprechen könnte. Bleibt abzuwarten, ob der Autor mit seiner Schaeffler-Geschichte überzeugen kann.



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