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Im bunten Rock


Wie kam ein Soldat in Wallensteins Armee mit dem harten Alltag des Krieges zurecht? Eine Erzählung nach den Texten und Quellen der Epoche.


Ein böhmisches Dorf im Jahre 1627. Es ist ein Frühjahrstag. In der Morgendämmerung tönten plötzlich Trommeln laut und mit einem unerbittlichen, antreibenden Rhythmus durch das kleine Dorf. Neugierde machte unter bei seinen Bewohnern breit. Den Trommlern folgten weitere Männer. Viele von ihnen trugen robustes Schuhwerk, einen Umhang und einen Hut mit breiter Krempe. Als die Trommeln verhallten, begannen diese Männer laut zu rufen. "Kommt her, werdet einer von uns, und es wird euch an nichts mangeln." Es waren Werbeoffiziere aus dem Heer von Wallenstein. Die Menschen strömten in Mengen zu einem der so genannten Laufplätze im Dorf, an dem die Werber halt machten. Unter ihnen ein junger Bauernbursche. Angetrieben von einer Mischung aus Neugierde und Abenteuerlust wollte er dem Treiben zunächst nur zuschauen. Gespannt folgte er daher den Erzählungen der Werber. Wer mitkäme, der würde die Welt sehen und könne viel Beute machen, hieß es da. Das klang doch nicht schlecht, und was hielt ihn eigentlich davon ab, sein ärmliches Bauerndasein gegen das eines weitgereisten und womöglich begüterten Mannes einzutauschen? "Ich komme mit", sagte er kurzentschlossen und nahm sogleich den Werbegulden entgegen. Gleich darauf ging es in kleinen Gruppen im Laufschritt zum Musterplatz. Am Platz angekommen, wurde den angeworbenen Männern das Kriegsrecht vorgelesen. Es folgte die Vereidigung, und von diesem Augenblick an hatten sie alle ihr Leben in die Hand ihres obersten Kriegsherren gelegt - Wallenstein. Nun sollte nichts mehr in ihrem Leben so bleiben, wie es war.

Am darauffolgenden Tag wurden der Bauernjunge und mit ihm alle anderen militärischen Neuzugänge eingekleidet und bewaffnet. Es wurden warme Socken, ein Hut, robuste Hemden und Beinkleider verteilt. An den meisten Hüten steckten Federn, und um die Beine wickelten sich viele Soldaten farbenfrohe Bänder. So wirkten sie wie ein bunt zusammengewürfelter Haufen, hoben sich äußerlich aber trotzdem deutlich von den schmucklosen Bauern ab. Am gleichen Tag folgte auch die Vergabe der Waffen. Unser Bursche bekam ein Schwert und ein Messer in die Hand. Die nächsten Tage verbrachte er damit, den Umgang mit diesem Kriegsgerät unter der Anleitung älterer Soldaten zu erlernen. Es wurden das schnelle Niederringen und Töten des Gegners eingeübt, und bereits in dieser Trainingsphase floss zuweilen Blut - ein erster Vorgeschmack auf das brutale Handwerk eines Söldners. Nachdem er seine Hieb- und Stichwaffen recht sicher beherrschte, wurde dem jungen Mann der Umgang mit einer Muskete beigebracht.Das Laden mit Zündkraut, das Abschätzen von Entfernungen, das Zielen mit Hilfe einer langstieligen Gabel und schließlich der Schuss. All das war aufregend neu und bestärkte ihn in dem Gedanken, sich richtig entschieden zu haben.

Als diese vorbereitende Phase zu Ende ging, folgte nach einer kurzen Ruhepause der erste Kriegseinsatz. Beinahe die Hälfte aller Männer Wallensteins versammelten sich hierfür in Neiße im Königreich Böhmen und Mähren. Von diesem Hauptquartier aus sollte der Kampf gegen den dänischen König Christian fortgesetzt werden, der zuvor in der Schlacht bei Lutter bereits eine Niederlage hatte einstecken müssen. Es ist mittlerweile Anfang Juni und die gleißende Sonne ließ die Soldaten tagsüber in ihrer Kampfbekleidung schwitzen. In Neiße bekam der frischgebackene Soldat auch das erste Mal seinen obersten Kriegsherren zu sehen: Mit großem Gefolge und einem lauten Fanfarenchor traf Wallenstein am 10. Juni in dem Armeequartier ein. Auf den jungen Söldner machte dieser Vorgang einen ungeheuren Eindruck, hatte er doch schon viel Beeindruckendes und auch Schreckliches über den Oberbefehlshaber der Streitkräfte gehört. So hatten ihm erfahrenere Soldaten berichtet, dass Wallenstein Plünderer unter den eigenen Männern kurzerhand an Bäumen aufhängen ließ. Dabei machte er angeblich auch vor den jungen Buben, die viele Soldaten in einem zivilen Tross als Helfer begleiteten, nicht halt. Diese bedrohlichen Gedanken schob der junge Mann aber schnell zur Seite, und das fiel ihm sehr leicht - schließlich bekam er bislang jeden Monat pünktlich seinen Sold ausbezahlt. Wozu da plündern?

Acht Tage später blasen die Fanfaren dann das Signal - endlich sollte es losgehen. In einem schnellen Marsch ging es zunächst nach Südosten. Vor den befestigten Mauern des Städtchens Leobschütz brachten sich die Truppen schließlich in Stellung. Eilig wurden die Kartaunen geladen, und auf ein Signal wurde die Stadtmauer unter ohrenbetäubenden Artilleriebeschuss genommen. Bereits wenige Stunden später fielen die Mauern, und der ehemalige Bauernbursche gehörte als Teil eines Stoßtrupps zu den Ersten, die die Stadt erstürmten. Die dänischen Truppen leisteten hier erbitterten Widerstand. Wer hier überleben wollte, musste töten. Und so tat es der junge Söldner. In zahlreiche Körper drangen sein Schwert und Messer, und er stellte sich dabei von Mal zu Mal geschickter an. Stundenlang dauerten die Kämpfe, am Ende verließen ihn die körperlichen Kräfte. Dann fiel die Stadt. Blut hatte seine Hemdsärmel rot gefärbt. Erschöpft ließ er sich nieder und sah, wie seine Kameraden und Wallenstein in die Stadt einzogen. Die dänischen Besatzer wurden entwaffnet und ein großer Teil von Ihnen wechselte die Fronten und trat in das Heer Wallensteins über. Nachdem dieser den Stadtbewohnern ein Strafgeld als Schadensersatz abgenommen hatte, wurde jedem Angehörigen des Stoßtrupps zur Belohnung der dreifache Monatssold ausgezahlt. Am Abend gab es dann Brot und Fleisch im Überfluss. Für kurze Zeit dachte der ehemalige Bauernjunge dabei über das Erlebte nach, wirkliche Zweifel über die Richtigkeit seines Handelns kamen aber nicht auf. Dafür sorgte auch das Soldatenlied, dass seine Kameraden in geselliger Runde anstimmten. Laut sangen sie gemeinsam: "Wann ich nur Lebensmittel hab, Brot, Wasser und ein Pfeif Tabak, So lass ich mich begnügen. Wo die Trompeten brausen sehr, Stück und Carthaunen noch viel mehr, Da thut mir's Wohlgefallen."

Die darauffolgenden Tage und Wochen sollten sich sehr ähneln. Dorf um Dorf, Stadt um Stadt wurden niedergekämpft. Es war ein Leben in ständiger Bewegung. Dabei ging es durch morastiges Gelände, Flüsse und dichtes Unterholz. Irgendwann verschwand dabei im Kopf der Kämpfenden das Bild eines Feindes, den man ursprünglich wegen seines religiösen Glaubens oder seiner politischen Haltung töten musste und wollte. Der Krieg wurde vielmehr zu einer neuen Heimat für die Soldaten, zu etwas, was ihnen Ordnung und Orientierung gab. Er bestimmte ihren Alltag, ihren Lebensrhythmus und gab ihnen eine pervertierte Art von Sicherheitsgefühl. Sie wurden zu einer Gemeinschaft, die zusammen militärische Erfolge feierte und Beute machte. Obwohl Wallenstein Plünderungen unbedingt verhindern wollte, fanden sie trotzdem statt. Der junge Bauernbursche aus Böhmen begann sich in dieser gewalttätigen Welt zurechtzufinden. Er sah, wie Kameraden sich nach den Kämpfen hübsche Frauen als Beute nahmen und sie vergewaltigten. Und er fand, dass ihm eine solche "Belohnung" nach einem schweren Kampf ebenso zustehen würde. Gedanken an den eigenen Tod verdrängte er zunehmend erfolgreich. Er und seine Kameraden begannen "Kanonen zu spielen" und fühlten sich an einem Tag als Jäger, am nächsten als Gejagte. Er war nicht sehr gläubig, doch sollte es ihn wirklich einmal treffen, so würde Gott sicher dafür sorgen, dass er in einem süßen Schlafe seinen Frieden finden würde. Die Aussicht auf ein ritterliches und soldatenwürdiges Begräbnis mit Fanfaren und Salutschüssen taten ihr übriges dazu bei, dass die Gedanken an das eigene Ableben ein Großteil ihres Schreckens verloren.

So zogen die Wochen und Monate ins Land. Nachdem der dänische König Christian geschlagen war, folgten u.a. die Kämpfe um Stralsund und der Stellungskrieg gegen den Schwedenkönig Gustav Adolf in Nürnberg. Aus dem Waffenneuling aus Böhmen war mittlerweile ein erfahrener Krieger geworden. Längst hatte er sich an das wurzellose Dasein eines Söldners gewöhnt. Er wusste, dass auf gute Zeiten mit reichlich Beute auch wieder entbehrungsreiche Tage folgen würden, und er hatte gelernt damit umzugehen. Die Unbeständigkeit war zu einer Konstante in seinem Leben geworden. Einige seiner Kameraden hatten Frau und Kinder gehabt, die der Armee hinterher gezogen sind. Er hingegen ist andere soziale Bindungen eingegangen, die ihm halfen. So hielt er sich bevorzugt in der Nähe von Offizieren auf, weil er wusste, dass diese niedere Tätigkeiten oft an treue Gefolgsleute weitergaben. Er putzte ihre Waffen, pflegte verletzte Pferde und bekam hierdurch ein Extrasold und oft auch ein komfortableres Quartier. Zuweilen hatte er hierdurch sogar einen Informationsvorsprung und wusste schneller als manch anderer, wann eine Schlacht verloren war. Dies hat ihm manches Mal das Leben gerettet.

Trotzdem sollte eines Tages der Moment kommen, an dem ihm Erfahrung und Können nicht mehr weiterhalfen. Es war im Jahr 1632, ein grauer Novembertag. Bei Lützen, ca. 25 km südwestlich von Leipzig, hatten sich die kaiserlichen Truppen unter Wallenstein gegen Gustav Adolf und seine Männer in Stellung gebracht. Schon kurz nachdem die ersten Schüsse die Stille des Vormittags durchbrachen, passierte es: Eine Musketenkugel traf den Unterschenkel des böhmischen Söldners aus kurzer Distanz. Knochen splitterten, Fleischfasern hielten Ober- und Unterschenkel zusammen. Er taumelte und fiel, ungeheure Schmerzen durchströmten seinen Körper. Während seine Kameraden weiterstürmten, blieb er am Boden liegen. Erst Stunden später wurde er vom Tross entdeckt und wurde notdürftig versorgt. Das war sein großes Glück. Sein Unterschenkel war jedoch nicht mehr zu retten. Dies bedeutete das Ende seiner Zeit als Söldner.

Fortan war er auf sich allein gestellt. Für körperliche Arbeit nicht mehr tauglich, blieb ihm nur unter die Bettler zu gehen. Mit einem Messer bewaffnet, gestützt auf zwei lange Stöcker, zog er nun übers Land. Zunächst halfen ihm dabei die Fähigkeiten, die er als Soldat erworben hatte: Gute Orientierung, Instinkt und Menschenkenntnis. Doch je länger der Krieg dauerte, desto schwieriger wurde es, an Nahrung und Schlafplätze zu kommen. Der Krieg hatte ganze Landstriche entvölkert, Krankheiten und Seuchen ausgelöst und Zig-Tausende Soldaten zu Krüppeln gemacht. Bettler wurden immer mehr als krankheitsübertragende Plagegeister angesehen, derer man sich entledigen musste. Wer jetzt überleben wollte, musste flink rauben und flüchten können - das Todesurteil für den einstigen Bauernburschen. Und so verhungerte der einst abenteuerlustige junge Mann hunderte Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt. Er teilte damit das Schicksal unzähliger Männer seiner Zeit.

Veröffentlicht in G/Geschichte 11/2009, S. 42-47.

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